An den Rhein bestellt

Ich bin wieder draußen an meiner Stelle. Gleich neben der Mündung des kleinen Industriehafens, unweit der historischen Pegeluhr. - Vom nahen Parkplatz aus habe ich mein Equipment in einem schwarzen Handwägelchen hierhergezogen: die beiden Kameras, den Blitz unter dem Schirm und die Stative. Mehrmals im Jahr zieht es mich auf die Parkinsel. Es ist ein schöner, magischer Ort. Unbewusst folge ich dem stummen Ruf, der mich diskret ans Ufer beordert.

Das Wasser wirkt erstaunlich klar, sein Türkis beruhigend und zukunftsoffen. Ab und an glitzern die Sonnenstrahlen in den Wellentälern der Strömung. Der Fluss fließt schnell und leise rauschend dahin; der mächtige Sog der Wassermassen ist förmlich zu spüren. 

Am sandigen Ufer gegenüber wachsen die Bäume frei und wild. Die altvorderen Herrscher des Auwalds nähren die romantische Sehnsucht an den Rhein als sagenumwobenen Strom – an sein ungezähmtes Fließen in mäandernden Schleifen, flankiert von Sumpf und Tücke. Die stolzen Weiden und Ulmen bringen den Wert einer unberührten Natur ins Bewusstsein zurück.

Mit einmal geraten sie aus dem Blick. Ein Frachtschiff durchpflügt das Türkis, beladen mit einer absurden Fracht aus dutzenden blaugrüngelben, fabrikfrischen Traktoren. Die Rheinbegradigung hat den Strom transformiert, mit einschneidenden Folgen. Das rationale Kanalsystem läutete die eisernen Glocken des Industriezeitalters ein. Zwar vertrieb es die Malaria und band die Fluten, doch das Antlitz des Stroms war für immer entstellt.

An eben dieser Flusswunde macht der Philosoph Martin Heidegger einen Wesenswandel für die Moderne fest. Verantwortlich dafür sei die Technik. Sie degradiert den für sich seienden, vor sich hinfließenden Strom zu einer bloßen Ressource: „Das Wasserkraftwerk ist nicht in den Rheinstrom gebaut wie die alte Holzbrücke, die seit Jahrhunderten Ufer mit Ufer verbindet. Vielmehr ist der Strom in das Kraftwerk verbaut. Er ist, was er jetzt als Strom ist, nämlich Wasserdrucklieferant, aus dem Wesen des Kraftwerks.

Die Frage nach der Technik beantwortet Heidegger radikal: Was der moderne Mensch auch anfasst, mutiert zum bloßen Bestand, zu etwas, was bestellt, verändert, genutzt und abgerufen wird. Der Fluss mutiert zum Wasserdruckbestand für die Elektrizität, der Wald zum Holzbestand fürs Bauen und Heizen. Der Mensch selbst reduziert sich zum Personalbestand für die Arbeitswelt. Doch das Bestellen schafft auch neue Optionen. Erst als der Rhein unfrei wird, hineingezwungen in sein tiefes, künstliches Bett, kann die Großschifffahrt mit Massentransporten von Kohle und Chemie ganzjährig triumphieren.

Links der Luitpoldhafen mit seinen ungelenken Containerschiffen, rechts die Reisinsel mit ihren ungezähmten Auen, dazwischen der endlose Strom. Es ist dieses Paradox aus natürlicher Ekstase und herabgesetzter Natur, das mich nicht loslässt. Ich fühle mich wie hinbestellt an diesen Ort, um zu sehen, was ist und wer kommt. Doch woher rührt dieses Gefühl der lokalen Geworfenheit?

Ich versuche mich an einer Denkfigur, die ich biorealistische Romantik nenne. Eine Denkweise, die das Staunen über die Natur biologisch erdet, indem sie die Verbundenheit mit ihr als existentiell und evolutionär erkennt.

Schon zu Urzeiten suchte der Mensch die offene Landschaft, den lebenswichtigen Zugang zum Wasser. Wenn wir heute dem Rauschen lauschen, geht es nur vordergründig um ein ästhetisches Erleben. Vielmehr hallt das stammesgeschichtliche Echo in uns wider, tragen wir den Fluss doch in unserem genetischen Gedächtnis: „Das Vorhandensein von fließendem Wasser signalisierte unseren Vorfahren seit jeher Überleben und Sicherheit. Diese tiefsitzende, biologische Präferenz – auch als Biophilie bezeichnet – bestimmt bis heute, was wir als schön empfinden“, stellt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht fest. 

Kein Wunder also, dass sich Flüsse und ihre umgebende Landschaft als zentrales Motiv in der Kunst und Malerei wiederfinden. Jede Flusslandschaft ist ein unbewusstes Signal aus der Epoche der Jäger und Sammler, ein Spiegel der Sehnsucht nach einer verheißenden Lebensader – ganz gleich, ob als kunstvolles Gemälde im Museum, ob als eigener Eindruck im Freien oder als Bild mit dem Fotoapparat.

Der Mensch ist von Natur evolutionär durchdrungen. Aber in welchem Verhältnis steht er zu ihr? Für den biorealistischen Romantiker ist der Mensch kein Herrscher, der über den Dingen thront, sondern ein gleichberechtigter Faden im lebendigen Gewebe der Biosphäre, Geist kein menschliches Monopol, sondern eine fundamentale Eigenschaft des Lebens selbst. Jede Lebensform verfügt über Bewusstsein und Subjektivität. – Diese Wertschätzung macht die biologisch begründete Romantik sensibel für jede Form der Instrumentalisierung.

Die wilde Ulme im Auwald ist frei. Sie darf sein, wie sie will. Sie darf wachsen, wohin sie will, einzig beschränkt von den sie umgebenden Lebewesen. Sie handelt ihren Möglichkeitsspielraum unentwegt aus – mit den Pilzen im Boden und den Mitbewohnern in der Baumkrone. Sie misst das Licht, schmeckt den Regen, strebt nach purer Lebendigkeit in der ihr eigenen Lebensform. Die Ulme ist, wie der Biologe und Philosoph Andreas Weber schreibt: „ein fühlendes Subjekt mit einem sinnhaften Körper“, dessen existentieller Sinn darin besteht, „sich selbst zu erschaffen und als verletzlicher Leib an der Welt teilzunehmen.“ Wahrscheinlich macht genau das den Blick auf die Reisinsel so faszinierend: Es ist die Wahrnehmung eines Exils autonomer Subjekte in einer naturbelassenen Welt, wenngleich nur im geschützten Status einer Insel.

Die neue Romantik ist biologisch und realistisch. Sie flieht deshalb auch nicht vor den Widersprüchen der Moderne; sie bejaht sie. Sie blickt auf den Grund der Industriegeschichte, die, von Ludwigshafen ausgehend, eine seltsam theatralische Blüte trieb.

1865: die Badische Anilin- und Sodafabrik wird gegründet. Die ersten Fabrikbauten wachsen unter bayerischer Herrschaft in den Pfälzer Himmel. Mit der Erfindung synthetischer Farbstoffe revolutioniert die BASF den Weltmarkt und weckt damit auch die Begehrlichkeiten eines Mannes, der die Realität verabscheute: König Ludwig II. Der Märchenkönig gierte nach dem reinen Indigo-Blau, um die Textilien und Gläser seiner Traumschlösser in den Bergen perfekt zu illuminieren. Die modernste Chemie des Industriezeitalters musste herhalten, um die mittelalterlichen Fluchtwelten eines absolutistisch gestimmten Monarchen zu realisieren.       

Ludwig lebte eine Romantik, die sich in Selbstbezogenheit verlor, begründet auf dem Selbstverständnis, König von Gottes Gnaden zu sein. Die Natur galt ihm als herrscherliche Kulisse des eigenen Egos, in die er vor der Zivilisation entfloh. Andererseits verstand er sich auch als Hüter der Natur, für deren Bewahrung er sich aktiv einsetzte.    

Zurück ins Hier und Jetzt. Stadt, Land, Fluss. Die Natur ist mehr als präsent, satt, kraftvoll, ursprungsverwurzelt. Was fehlt, sind die Menschen. Erschöpfte Städter, die nach Muße suchen. Ich kenne sie nicht, aber ich werde sie kennenlernen. Sie lieben ihr Ludwigshafen, obwohl die Stadt ihr Gesicht radikal verändert hat. Das Schicksal der Arbeiterstadt ist untrennbar mit der BASF verknüpft. Doch jetzt, da der fossile Atem stockt, der Gashahn abgedreht ist und sich die Chemie als Arbeitgeber zurückzieht, fehlt der Stadt umso mehr das Geld, was sich überall zeigt. 

Längst eilt Ludwigshafen der Ruf als hässlichste Stadt Deutschlands voraus. Das Zentrum verwaist, Gebäude verkommen und Geschäfte schließen. Die Architekturambitionen der Nachkriegszeit zerbröseln im Abriss. Auf ihren Trümmern baut eine neue Generation ihr Leben in einer ungewissen Zukunft auf.

Die Stadt gleicht einem sozialen Experimentierfeld: Sie ist nicht nur die ärmste Kommune im Land, sie hat auch den höchsten Anteil an Zuwanderung in der Bevölkerung. Deutsche mit Migrationshintergrund treffen auf Geflüchtete, Ausländer werden zu Inländern und bleiben einander doch fremd. Diese Entwicklung begann bereits zu Zeiten des Wirtschaftswunders.

1960 warb die BASF die ersten Arbeitsmigranten aus Süditalien an. Ein Prozess, der während meiner Kindheit in den 1970er Jahren immer mehr an Fahrt aufnahm. Ayse, Nesrin, Goran, Svetlana, James und Colette - So hießen die Mitschüler aus Gastarbeiterfamilien und die der hier stationierten US-Soldaten. Damals bildeten sie noch die Ausnahme. Heute hat die große Mehrheit der jungen Bevölkerung unter 15 Jahren internationale Wurzeln.

Schon bald wird das Wort „Migration“ historisch obsolet sein, abgelöst von einer hybriden, postmigrantischen Identität. Eine enorme wirtschaftliche Chance – falls die Bildung hinterherkommt. Vielfalt braucht ein gemeinsames Fundament. Doch wo fast alle Kinder einen Migrationshintergrund haben, sind Schulen und Kindergärten schnell überfordert. Eine dieser Schulen ist nur einen Spaziergang von der Inselidylle entfernt. Dort wird gelingende Integration schmerzlich vermisst, bestimmen Gewalt und soziale Spannungen den Alltag.

Doch hier am Ufer, schweigen die Konflikte für eine Weile. Der unnachgiebige Strom spült das Rauschen des Alltags fort. Angesichts dieser reißenden Urkraft zerbricht die Tyrannei unserer Sorgen und unseres Strebens. Wir vergessen unser Wollen für diesen Moment. Wir geraten in einen besonderen Bewusstseinszustand, der von der Präsenz des mächtigen Flusses angestoßen wird.

Seine starke Strömung wirkt bedrohlich. Vom befestigten Ufer aus trotzen wir dem Schrecken vor den Fluten. Wir erheben uns über die Natur und kommen mit einem ästhetischen Schauer davon. In Die Welt als Wille und Vorstellung schreibt Arthur Schopenhauer: „Beim Brausen eines mächtigen Flusses wird schon die unbändige Kraft des Willens anschaulich, aber der Beschauer steht in Sicherheit, und das Bewußtsein dieser Sicherheit, im Kontrast mit jener Kraft, giebt das Gefühl des Erhabenen.“

Diese Erhabenheit macht uns zum „reinen, willenlosen Subjekt des Erkennens“. Doch was wird in dem erhabenen Zustand erkannt? Indem unser reines Bewusstsein zum Spiegel des blinden Willens wird, der nach Schopenhauer in der Natur waltet, erkennt sich dieser Wille in seiner unbändigen und zerstörerischen Pracht. Zugleich erkennt das Subjekt, selbst Teil dieses Prinzips zu sein, und als Sklave eben dieses Willens zu agieren. Schopenhauer zog daraus eine pessimistische Konsequenz: Einzig in der Weltentsagung und Askese können wir der Bedrängnis des ewigen Wollens dauerhaft entkommen.

Der biorealistische Romantiker hingegen bricht mit diesem lähmenden Negativismus. Für ihn ist die Natur kein feindliches Ungeheuer, sondern das freundliche Gefüge, das uns überhaupt erst hervorgebracht hat und atmen lässt. Wir müssen uns nicht über die Natur erheben, weil wir als Teil eines fühlenden Beziehungsnetzes in ihr geborgen sind.

Gleichwohl erwächst dem Naturerleben die gesunde Ehrfurcht vor einer Urkraft, die unser Ego übersteigt. In Andreas Webers Biopoetik weicht die herrscherliche Erhabenheit einer tiefen Erschütterung über die eigene Verwobenheit. Wir sind zutiefst angefasst vom lebendigen Gewebe der Erde und kommen wir nicht umhin, uns für ihren Schutz einzusetzen.  

Und so blicke ich auf die Menschen, die hier am Ufer entlangflanieren. Ich glaube, sie sind nicht zufällig hier. Sie fühlen sich in der einen oder anderen Weise hierher bestellt. Sie kommen, um ihren Alltag beiseitezustellen, um sich zu öffnen und geöffnet zu werden. In genau dieser Haltung, in diesem erhabenen willensbefreiten Zustand, begegne ich ihnen – um sie zu fotografieren.

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China in my hands